Erfahrungsbericht

Ich konnte am 12.12. kurzfristig noch einen Termin im Atelier bekommen. Unwahrscheinlich aufgeregt machte ich mich morgens auf die Reise nach Dresden. Um mich innerlich vorzubereiten, war ich schon ein wenig geschminkt und gestylt. Hannelore empfi... weiter lesen

Gäste aus dem Atelier

Auszug aus der Sächsischen Zeitung vom 11.09.2018, Autorin: Franziska Klemenz
(Link zum Artikel auf www.sz-online.de)

Auszeit vom Mann-Sein

Manchmal braucht Rudolf* seine weibliche Identität: Roswitha. Das Atelier Changeable hilft ihm dabei. Ein Prozess, der Jahre dauert.

Der Einzige auf der Welt, wie niemand sonst. Einsam. Das bin ich, gestatten: Rudolf. Der mit dem zweiten Ich, das man hinter Jalousien versteckt und auf dem Dachboden. Nach außen muss ich Mann sein, immer. Was soll nur meine Tochter denken? „Dein Vater, der trägt Frauenkleider.“

Katrin und ihre Mutter sitzen auf einer Leder-Couch, es klingelt an der Tür. „Das ist er“, kündigt Mutter Hannelore an und trabt Richtung Flur. Viel Sonnenlicht dringt nicht in das Atelier im Parterre einer Striesener Altbau-Villa. Eine lebensgroße Puppe in roter Seiden-Robe starrt aus einer Ecke ins Leere, Katrin füllt das Warten mit Erklärungen. „Rudolf ist Stammgast, er kommt seit 2003 aus Leipzig her“, sagt die 39-Jährige. Im gleichen Jahr stieg sie selbst als Stylistin beim Gründer des Ateliers ein. Inzwischen hat ihre Mutter es übernommen. Für beide ist es ein Nebenjob, erkannt werden wollen sie in der Zeitung nicht.

Seit 2002 bietet das Atelier Changeable an, was Männer nur in wenigen Städten kriegen. Sie wollen keinen Fetisch, keinen Sex und keine Operation. Sie wollen Frau sein, manchmal für Stunden, manchmal für Tage. Ihr Alter reicht von gerade volljährig bis noch-im-Krieg-gedient. „Wir hinterfragen das nicht, es soll diskret ablaufen. Sie müssen uns weder Alter noch Wohnort noch sonst etwas nennen“, sagt Katrin. Sie und Mutter Hannelore stylen die Männer und begleiten sie. In die Oper, in Bars, nach Tschechien, Pillnitz oder Moritzburg.

44 Euro kostet die Stunde, ab vier Stunden gibt es Rabatt. „Es ist wie Urlaub vom Mann-Sein. Die müssen hart sein, nicht weinen. In der Generation von vielen ist das noch so. Sie wollen zu dem Bild werden, wogegen wir Frauen uns inzwischen wehren – Schwäche zeigen, weich sein. Ein bisschen das überspitzte Frauenbild.“

Rudolf steht einen Moment im Türrahmen, mustert die Situation. Zum ersten Mal wird er Roswitha einer Journalistin vorstellen. Seine weibliche Hülle zieht der Rentner im orangenen Poloshirt hinter sich her. In einem Schalenkoffer. Mit Umarmung und Wangenkuss begrüßt der 64-Jährige Katrin, Roswithas Geburtshelferin. „Dieses Jahr haben wir Roswithas 15. gefeiert“, erzählt er und lächelt die Frauen an. „Es heißt immer wieder, die wären alle schwul. Das ist Quatsch“, sagt Hannelore.

Begriffe wie Crossdresser sollen die Neigung fassen: Manchmal will Rudolf Frau sein. Dann zieht er Röcke und Absatzschuhe an, trägt eine Perücke und schminkt sein Gesicht. Rudolf lässt sich in einen Sessel sinken, dann fragt er mehr sich selbst als die Runde: „Wo fange ich denn an?“ Er war vier oder fünf Jahre alt. Die Mauer stand noch nicht, als er im Kleiderschrank der Mutter grub. In Leipzig. „Mit 23 habe ich geheiratet, es meiner Frau auch gestanden, mehr oder weniger gebeichtet“, sagt er. „Sie hat es toleriert, aber nicht akzeptiert. Als Frau durfte ich ihr nicht näherkommen, da war eine Mauer.“ Sie sagte: „Mensch, wenn das die Kinder mitbekommen, die drehen durch.“ Toleriert, nicht akzeptiert: Wenn Rudolf Frau sein wollte, ratterten die Jalousien herunter. Bloß keine Blicke riskieren. Die Mauer zwischen West und Ost löste sich auf, die zwischen Rudolf und der Außenwelt blieb stehen. Bis 2002. Der erste Computer, das erste Vernetzen. Im Internet stieß Rudolf auf das Wort Transgender.

Er schweigt ein paar Atemzüge lang. „Bis ich Internet hatte, war ich in meiner Welt der Einzige, der Frauenkleider trägt. Es fühlte sich an, als würde ich etwas Schlechtes tun. Ich habe mir lange gewünscht: Ich will normal sein, warum bin ich nur so?“ Das Internet führte ihn zum Atelier Changeable. „Klingt vielleicht komisch, aber ich wollte mir endlich Wind durch den Rock wehen lassen.“ Am 29. April 2003 besuchte er das Atelier zum ersten Mal. „Vorher hatte ich das Gefühl, dass es mir jeder ansieht und weiß, was ich vorhab. Als ich wirklich als Frau draußen war, hatte ich das Gefühl überhaupt nicht mehr. Ich war überglücklich. Nur auf die Damentoilette zu gehen, war am Anfang ein sehr komisches Gefühl.“

Gäste des Ateliers kommen aus ganz Deutschland, Tschechien, Schweiz, Österreich. „Zu Hause würden es viele nicht machen“, sagt Hannelore. „Die meisten Leute verstehen es nicht, deswegen haben sie Angst und lehnen es ab.“ Immer wieder kommen Männer, die ihr zweites Ich bis zum Tod verbergen. „Ich erinnere mich an einen Kunden, der wusste, dass er bald stirbt“, sagt Hannelore. „Er hat einen Kleidersack mit seinen Klamotten gebracht.“ Weil er nicht wollte, dass seine Frau die Sachen jemals findet. „Ich sage ihnen immer: Ihr müsst rausgehen, ihr müsst euch zeigen, dann wird es normaler“, sagt Katrin.

Rudolfs Tochter erfuhr es, als sie 15 war. „Es war eine laue Sommernacht, nach ein paar Gläsern Wein fragte meine Frau: Was würdest du sagen, wenn dein Vati Frauenkleider trägt? Sie antwortete: Na, wenn er‘s braucht.“ Rudolf bekam eine Verbündete. „Sie studierte Fotografie. Ich habe sie gefragt: Kannst du dir vorstellen, deinen Vati mal in Frauenkleidern zu fotografieren? Manchmal hat sie mich auch geschminkt.“

Er kramt ein glänzendes Buch aus der Tasche und öffnet es so behutsam, als wäre es eine Muschel, deren Hälften nicht auseinanderbrechen dürfen. Das Roswitha-Buch. „Das war vor 15 Jahren“, sagt er und zeigt auf ein Foto, das ihn mit roter Perücke im leuchtend blauen Kleid zeigt. Dann drückt Rudolf sich aus dem Sessel. Die grauen Hosen kleben knittrig an den Beinen, er schlappt mit dem Koffer davon; mit Roswithas Hülle, die er gleich mit Leben füllt. Beim Make-Up wird Katrin helfen. „Schminken ist für unsere Kunden das größte Problem. Frauen lernen es intuitiv. Männer sind viel grobmotorischer.“

Das Herz des Ateliers schlägt nebenan. Der Raum der Verwandlung: mit Hunderten Kleidern, Ballerinas und Stöckelschuhen so bunt als spaziere man durch einen Paradiesvogel-Schwarm oder in den Backstage-Bereich von Moulin Rouge. Glatte und lockige Haare, blonde, brünette und rote Mähnen umhüllen Puppenköpfe ohne Augen; Silikonbrüste in Körbchengrößen von Brett bis Badewanne drängen sich wie Flundern in einer Holzkiste aneinander. Lidschatten in Korallen-, Krebs- oder Tintenfisch-Farben schimmern im Licht der Perlenkette aus Mini-Scheinwerfern, die den Schminkspiegel umringt.

Die Tür schwingt auf. Unweigerlich fährt der Blick wie eine Kamera im Film von den Zehen bis zum Scheitel der Dame, die den Raum betritt. Von den schräg voreinander gesetzten Pumps bis zum glänzenden Pony. Gestatten: Roswitha. „Sie ist selbstsicher geworden“, sagt Hannelore und grinst. „Heute steht sie im Leben.“ Katrin wirft einen Umhang über Roswitha, setzt sie auf einen Stuhl. Das Kinn hält sie mit der einen Hand, den Pinsel mit der anderen.

„Die Männer schlüpfen nicht nur in eine Rolle, sie werden wirklich zur Frau“, sagt Hannelore. „Wenn die als Mann kommen, verhalten sie sich ganz anders, und dann werden sie weich.“ Den Weg zur Frau pflastern mehr als Silikonbrüste und Perücken. „Wir bringen ihnen Mimik und Gestik bei, die Unterschiede sind sehr groß.“ Und zwar? Mutter und Tochter suchen kurz den Blick der anderen und kichern.

„Es fällt beim Essen auf: Männer schaufeln zu schnell in sich rein“, sagt Katrin. „Beim Hinsetzen gucken sie nach unten, sie gehen breitbeinig. Ihre Handflächen zeigen nach vorne. Und bei der Biergröße merkt man es.“ Für die kleinen Gesten seien Kunden oft besonders dankbar. „Wenn einer im Restaurant mit der Perücke an der Lampe hängen bleibt und man sie schnell zurechtrückt – solche Sachen“, sagt Katrin. Unschönes passiert selten. „Dass jemand nicht aufhört, aus der Nähe zu glotzen, oder bewusst er sagt, um dem Kunden zu signalisieren, dass er aufgeflogen ist.“

Katrins Augen wandern über die Linien und Poren des Gesichts unter ihren Händen. Die gepuderte Stirn, die pinken Lippen – Roswitha ist fertig. Heutzutage existiert sie auch in Leipzig ohne Jalousien. „2010 ist meine geliebte Frau gestorben“, sagt sie. „Nach einer Weile habe ich mir im Internet eine neue Partnerin gesucht. Sie steht hinter dieser Tatsache. Sie toleriert es nicht nur, sondern akzeptiert es auch.“

Den 15. Geburtstag von Roswitha feierten sie zusammen im Carte Blanche in Dresden. „Dass du es deiner Partnerin sagen kannst, ist ein großes Glück. Es gibt viele langjährige Partnerschaften, bei denen es die Frauen zwar wissen, aber eigentlich nicht wissen wollen“, sagt Hannelore. „Meine Eltern wissen inzwischen auch Bescheid“, sagt Roswitha. „Manchmal hätte ich mich meinen Kollegen gerne offenbart, aber die Angst war da dann doch zu groß.“

Sich vom Mann zu verabschieden, ist undenkbar, Rudolf und Roswitha brauchen einander. „Wenn ich mich unwohl fühle, schlüpfe ich in die Frauenrolle, und fühle mich gut. Wenn ich wieder Mann bin, sind die Probleme weg.“ Zweimal in all den Jahren ließen Kunden des Ateliers sich umoperieren. „Einer schrieb mir Jahre später auf Facebook, wie dankbar er ist, weil alles im Atelier angefangen hat“, sagt Katrin. Roswitha dreht sich vom Spiegel weg: „Wir sind euch alle dankbar. Als es beim Besitzerwechsel hieß, das Atelier könnte schließen, war das eine Hiobsbotschaft.“ Mutter Hannelore war neugierig genug, um einzusteigen und das Atelier zu übernehmen. Heute ist Roswitha zum Mittagessen gekommen, es geht in den Schillergarten. „Je sicherer ich die Frau herüberbringe, desto normaler reagiert das Gegenüber darauf“, sagt Katrin. Das Trio marschiert an den Gästen des Biergartens vorbei, der Rock wedelt um Roswithas Beine. Ein älteres Ehepaar mustert sie, folgt den Schritten mit Blicken aus aufgerissenen Augen. Die drei setzen sich, ein Kellner kommt. „Für die Dame“, sagt er und reicht Roswitha die erste Karte.

Hannelore und Katrin nicken einander zu. Zufrieden, vielleicht auch gerührt. Kunden begleiten sie oft über Jahre. Zu den emotionalsten Erinnerungen im Atelier gehört die an einen fast 90-Jährigen. „Er hat noch im Krieg gedient“, sagt Katrin. „Als Abschluss seiner Transgender-Karriere brachte er Kostüme von allen Frauen mit, die ihn in seinem Leben je beeindruckt haben. Wir waren unterwegs, haben Sekt getrunken. Er hat alle Kostüme noch ein letztes Mal getragen. Dann sagte er: Das war‘s, das war mein letztes Mal als Frau im Leben. Jetzt verabschiede ich mich davon.“

Roswitha besucht das Atelier nur noch selten, Frau sein kann sie heute ohne Stützräder. Der Kellner bringt das Essen. Unter vier Frauen am Tisch isst Roswitha mit Abstand am langsamsten.

* Name von der Redaktion geändert.